Dienstag, 6. August – 14:00 Uhr
Die Wettervorhersage: mies. Ein Tiefdruckgebiet zieht im Laufe des Tages von West nach Ost über die Alpen, dazu Wind und Regenschauer auch südlich vom Hauptkamm. Aber der Mittwoch soll auch nicht besser werden – also ziehen wir wie geplant um 14 Uhr los. Rucksack umgepackt, Regenklamotten eingepackt, fertig. Vormittags hat es in München noch geschüttet, mittags ist es trocken.
Nudeln, Proteinshake, los geht’s. Theo und ich treffen uns in Ramersdorf und rollen zum Grünwalder Stadion in Giesing – unserem Startpunkt für die Alpenüberquerung. 23 Grad, kurzes Trikot, die Straßen sind schon wieder trocken. Fühlt sich fast zu einfach an.
Und dann geht’s los. Kaum sind wir aus der Stadt raus, Höhe Unterhaching, merken wir: Der angekündigte Südwind ist real. 15 km/h im Schnitt, Böen bis 40. Willkommen zurück in der Realität.



Bei jeder Trainingsfahrt hatte ich denselben Gedanken: Hoffentlich kein Gegenwind, hoffentlich keine nassen Anstiege. Tja. Sieht ganz so aus, als würden wir heute beides kassieren.
War die Entscheidung, heute loszufahren, überhaupt richtig? Kurz überlegen wir, abzubrechen und stattdessen Mittwochfrüh neu zu starten. Am Regen würde das zwar nichts ändern, aber wenigstens der Wind sollte schwächer werden. Wir entscheiden uns dagegen und fahren weiter.
15:15 Uhr – Bad Tölz
In Bad Tölz sind wir überraschend noch trocken – aber der Gegenwind zehrt an den Beinen. Die Route hat mehr Auf und Ab als gedacht, normalerweise kein Problem, aber mit Wind und vollem Rucksack spürt man jeden Meter. Bei Lenggries die erste Pause: kalte Nudeln aus der Plastiktüte. Kulinarisch ein Vorgeschmack auf die Nacht – lecker ist definitiv anders. Weiter Richtung Sylvensteinspeicher, wo der Tunnel zur Staumauer wegen Bauarbeiten gesperrt ist. Also über die Straße hoch.
16:30 Uhr – Sylvensteinspeicher
Noch trocken. Ein paar Fotos, Merinoshirt drüber, es wird kühler. Plan: bis ins Inntal aufs Tempo drücken. Der Wolkenfilm zeigt eine schmale Lücke zwischen den Regenfeldern – die nutzen wir. Ein paar Tropfen, mehr nicht. Weiter zur Achenseestraße, Stopp am Supermarkt in Achenkirch: Flaschen auffüllen, Getränke bunkern. Ich packe mir noch eine halbe Flasche Cola in den Rucksack – zwischen Inntal und Trento wird’s in der Nacht schwer, Nachschub zu finden.



Am Achensee geht’s unten am Ufer entlang, die Straße oben ist für Räder gesperrt und bei dem Verkehr sowieso unangenehm. Früher mit dem MTB war der Weg stellenweise mies, jetzt überraschend gut befahrbar – und um 18 Uhr an einem Dienstag auch angenehm leer. In Maurach Jacke drüber, dann die Abfahrt über die B181: 76 km/h auf dem Tacho, der erste größere Anstieg der Tour ist geschafft. Ehrlich gesagt: Bis hierhin musste noch niemand wirklich klettern.
19:00 Uhr – Schwaz
Im Inntal bleiben wir bis Jenbach auf kleinen Landstraßen – unsicher, ob der Radweg davor Schotter hat. Auf dem Radweg entlang der Autobahn erwischt uns dann der nächste Gegenwind, diesmal aus West. Wir wechseln uns im Windschatten ab, fahren eng, der Hunger meldet sich. Schwaz war schon vorher als Stopp geplant – letzte Einkehr vor dem Brenner-Anstieg und vor der Dunkelheit. Schnitt bis hierhin: 23,5 km/h, Pausen inklusive, also genau im Soll. Nach ein bisschen Herumirren landen wir um 19:15 Uhr im Central Café.
Überdachte Terrasse, Räder direkt daneben angelehnt. Eher Café als Restaurant, aber es reicht: kalte Getränke, Fritattensuppe, Toast Hawaii. Was uns die ganze Zeit beschäftigt: die Farbe des Himmels. Dämmerung oder Regenwolken? Die Antwort kommt, während wir noch den Wolkenfilm checken – es fängt an zu regnen.
Beim Zahlen fragt uns die Wirtin, wo es denn noch hingeht. „Zum Gardasee“, sagen wir – und ernten nur ungläubige Blicke. Ob wir eine Wette verloren hätten? Oder sie gerade „pflanzen“ wollten?
Das ist der einzige Moment auf der ganzen Tour, in dem ich mich frage: Was mache ich hier eigentlich? Es regnet, es ist 20 Uhr, und vor uns liegen noch ca. 270 km über den Alpenhauptkamm. Egal, weiter geht’s! Kurze Regenpause abgepasst, Jacken drüber, los. Nach ca. 20 Minuten schüttet es wieder so heftig, dass auch Regenhose und Überschuhe dran glauben müssen.



Weiter bis Hall in Tirol, mal mehr, mal weniger Regen, dann die Abzweigung auf die Römerstraße. Der Anstieg zum Brenner beginnt in völliger Dunkelheit. Bis hinter Ampass sind wir in Regenklamotten unterwegs, die von innen genauso nass sind wie von außen. Als der Regen nur noch vereinzelt tropft, halten wir kurz und ziehen das nasse Zeug aus. Erstes Gel der Nacht, viel Wasser dazu – mir fehlt gerade der letzte Punch im Anstieg. Nach ein paar Minuten wirkt’s.
Bis Patsch noch zwei, drei steilere Rampen, insgesamt aber machbar. Die Strecke führt durch stockdunkle, teils bewaldete Abschnitte. Jedes Auto, das sich nähert, ist unangenehm – bei der Sicht bleibt immer die Angst, im Dunkeln übersehen zu werden.
22:45 Uhr – Matrei am Brenner
Immerhin: kein Wind mehr. Ab Patsch können wir erstmal durchatmen, lange Steigungen kommen bis Matrei keine mehr. Schnelle Abfahrt, ein Brunnen zum Auffüllen, dann geht’s über die Bundesstraße Richtung Brennerpass – knapp 20 km stetig, monoton bergauf. Verkehr gibt es kaum noch.
Südlich des Brenners leuchtet der Himmel immer wieder auf, aus der Ferne grollt ein Gewitter. Wir hoffen, dass es an uns vorbeizieht. In Stafflach, kurz vor Mitternacht, noch mal Pause und Nudeln in uns reinschaufeln. Theo geht es im Magen nicht gut. Ansonsten wird kaum geredet – jeder hängt in seinem eigenen Film und kämpft für sich.
Das letzte Stück zum Brenner zieht noch mal richtig an. Im Dunkeln wirkt der Pass eher wie ein Umschlagplatz im Hamburger Hafen als wie eine Alpenpassage zwischen Tirol und Südtirol: Gleise, Straßen, Lärm, LKWs, so weit man sieht. Uns ist es in dem Moment völlig egal.
00:00 Uhr – Brenner
Punkt Mitternacht, das Ortsschild Brenner. Ein riesiger Batzen Ballast fällt ab – ab jetzt geht es im Grunde nur noch bergab, bis auf die letzte Rampe kurz vorm Gardasee. Ein paar Fotos, High Five, laute Ansagen zur Motivation. Ich bin mir in dem Moment sicher: Jetzt kann uns nichts mehr aufhalten!



Realitätscheck: Über 200 km liegen noch vor uns, und die Nacht fängt gerade erst an – kein Heimspiel. Am Brenner erwischt uns fast stürmischer Südwind, da ist er wieder! Auf der Nordseite waren wir im Windschatten, jetzt kriegen wir ihn mit voller Wucht ab. Wir finden einen trockenen, windgeschützten Platz an einem Supermarkt und ziehen trockene Sachen an. In dem Moment bin ich wirklich froh über Primaloft-Jacke und lange Handschuhe im Gepäck.
1:00 Uhr – Sterzing
Noch ein paar Schlucke aus der Flasche, dann nichts wie weg von diesem ungemütlichen Ort. Trotz Gegenwind kommt ordentlich Speed auf den Tacho. Sterzing, historische Altstadt, ein Brunnen am Tourismusbüro zum Auffüllen. Und noch mal Chamois-Creme – die Sitzknochen melden sich inzwischen deutlich.
Geplant war die Landstraße nach Brixen. Wie es das Pech will, fängt es wieder an zu tropfen – und aus den Tropfen wird innerhalb weniger Kilometer Dauerregen. Also wieder rein in die klammen Regenklamotten, volles Programm, mittlerweile 1 Uhr nachts.


Beim Seitenwechsel auf der Straße platzt plötzlich mein Hinterreifen. Klingt, als würde jemand mit einem dicken Nagel durch Mantel und Schlauch stechen. Wir sind baff, checken den Mantel – finden aber nichts. Sogar ein Südtiroler hält mit dem Auto an und fragt, ob wir Hilfe brauchen. Wir bedanken uns, lehnen ab, spannen einen neuen Schlauch ein und pumpen den Reifen wieder hart.
2:15 Uhr – Brixen
Zurück auf dem Radweg wollen wir Brixen nur noch schnell hinter uns lassen. Der Regen legt noch mal kräftig zu. Der letzte Blick auf den Wolkenfilm hatte schon gezeigt: Bis hinter Bozen bleibt’s nass. Anhalten und abwarten hätte also nichts gebracht.
Wir kämpfen uns weiter durch die Nacht. Mein linkes Knie meldet sich deutlich – in der Vorbereitung hatte ich schon ab 200 km immer wieder Schmerzen an der Knierückseite. Deshalb liegen ein paar Ibuprofen 600 im Rucksack, aber die will ich möglichst vermeiden.
Rund um Klausen dann das Geräusch, das ich am wenigsten hören wollte: Platten Nummer zwei, hinten. Der Reifen ist innerhalb einer Sekunde leer. Mit dem Frontscheinwerfer finden wir die Ursache: ein 5 Millimeter langer Riss quer im Mantel.
4:00 Uhr – bei Klausen
Besonders bitter, weil ich mir extra für die Tour zwei neue Mäntel gekauft hatte – Continental Grand Prix 5000, top getestet, nicht billig. Wir improvisieren: Das Gummi aus dem Flickzeugset, eigentlich zum Anrauen gedacht, legen wir mit der rauen Seite nach außen über den Riss im Mantel. Luft rein, Rad wieder einspannen – und in dem Moment platzt der Schlauch einfach so, ganz ohne Belastung.
Unsere Blicke treffen sich. War’s das jetzt?
Theo wusste nicht mal, dass ich noch einen zweiten Ersatzschlauch dabei hatte – unsere wirklich allerletzte Chance. Ich fluche, bin am Verzweifeln, rechne schon mit dem Abbruch. Theo bleibt ruhig, handelt überlegt und zieht mich mit. Mit dem Schraubendreher vom Multitool schneiden wir zwei Fetzen aus einem kaputten Schlauch und wickeln sie auf Höhe der Rissstelle am Mantel um den letzten intakten Schlauch. Vorsichtig Luft rein, gerade so viel, dass er rollt. Er hält bis zum Ziel – das Rad läuft danach spürbar unrund, aber ich kann fahren.
5:30 Uhr – Bozen
Noch geschätzt 25–30 km bis Bozen, wo wir um 5:30 Uhr ankommen. Der Regen hört wie vorhergesagt auf, die Morgendämmerung setzt ein. In Bozen steht einiges unter Wasser, manche Unterführungen sind gesperrt. Die Schmerzen im linken Knie werden unerträglich – südlich von Bozen schlucke ich eine Ibuprofen-Tablette.
Ab Bozen sind es noch rund 110 km. So viel steht schon fest: Das hier ist der absolute Tiefpunkt der Tour, für uns beide. 6:20 Uhr, ich zwinge mir Nudeln und einen Riegel rein. Erschöpfung und Müdigkeit sind jetzt einfach da, ständig.



Nichts passt mehr zusammen, der Rhythmus ist weg. Die Beine kurbeln nur noch mechanisch, mental bin ich komplett abwesend. Nach etwa 30 Minuten fange ich mich langsam wieder – Nudeln und Koffein zeigen Wirkung. Theo macht mir dagegen Sorgen: starrer Blick, Schlangenlinien, zu nah am Wegrand. Wir stoppen. Theo will sich zehn Minuten hinlegen und schlafen, ich lege mein Veto ein. Kompromiss: Kaffee oder Cola, sobald sich eine Gelegenheit bietet.
Im Nachhinein erzählt Theo, dass er zwischendurch in Sekundenschlaf gefallen ist und Dinge gesehen hat, die es gar nicht gab. Wir schieben das beide auf die Schmerzmittel. Nach ein paar Kilometern hat sich auch Theo gefangen, und wir ziehen wieder an.

8:00 Uhr – Trento
Die Sonne ist da, und unser Plan geht tatsächlich auf: leichter Rückenwind, von der berüchtigten Ora – dem Südwind zwischen Gardasee und Bozen – keine Spur. Um 8:00 Uhr erreichen wir Trento. Meine Suunto Ambit 3 Peak, unsere Navigation, ist inzwischen tot – die Nacht-Beleuchtung hat zu viel Akku gefressen. Wir verfranzen uns vor und in Trento, Radfahren im italienischen Berufsverkehr ist kein Spaß. Stopp an einem offenen Bike-Laden, „Cicli Conta“: Ich kaufe sicherheitshalber einen Mantel und zwei Schläuche nach, ohne sie noch zu wechseln.
10:00 Uhr – Rovereto
Von Trento bis Mori, wo der Etschtal-Radweg endet, sind es noch rund 30 km – gefühlt endlos, immer parallel zur Autobahn. Aber wir sind jetzt zuversichtlich: Uns hält nichts mehr auf. Um 10:00 Uhr Rovereto, letzte Pause. Ein paar Löffel Nudeln, ein Gel, das muss reichen.
Mal wieder schlauer sein wollen als die Beschilderung – und wir landen prompt in einem Weinberg, den wir über einen steilen Weg zur Hauptstraße queren. In Mori verfahren wir uns noch kurz, aber die letzten nennenswerten Anstiege liegen hinter uns. Der Gardasee ist zum Greifen nah. Vor Nago eine Baustelle, Umleitung über eine weitere steile Rampe – wird auch noch mechanisch abgerissen. In Nago selbst stauen sich die Autos, alle wollen zum See. Wir nehmen statt des Radwegs die Autostraße runter nach Torbole, eigentlich für Räder gesperrt – aber das Selfie in der Kurve mit Seepanorama muss einfach sein.
Das Bild, für das wir 390 km und 21 Stunden gekämpft haben.
Auf der Abfahrt von Nago macht sich pures Glück breit, Endorphine pur – wir haben es wirklich geschafft! Durch den dichten Verkehr in Torbole, über den Sarca-Radweg ans Seeufer, außen an der Galerie entlang nach Riva. Am Campingplatz „Al Lago“ schmeißen wir die Bikes zur Seite und fallen uns in die Arme. We made it!
Kein großer Epilog nötig. Klar gibt es Leute, für die solche Touren Alltag sind und die den ganzen Aufstand hier nicht nachvollziehen können. Mir persönlich hat dieser Tag zwei Dinge klargemacht:
- Man kann sich mitten in einer Krise wieder rausarbeiten, auch unter Dauerbelastung. Um 5:30 Uhr in Bozen hätte ich nicht gedacht, dass wir das Ding zu Ende bringen. Kampfgeist, Zusammenhalt und der Wille, weiterzumachen, haben uns durchgetragen.
- Wenn man wirklich will, geht viel mehr, als man sich selbst zutraut – oder was andere einem zutrauen. Es ist eine Frage von Vorbereitung und Willen.
Ohne die Pannen und das miese Wetter wäre die Tour sicher eine andere gewesen. Aber im Rückblick: Vom Abenteuerfaktor her hätte es kaum besser laufen können. Diese 21 Stunden vergesse ich so schnell nicht.